Johann Baptist Bauer

geboren 06.05.1865 (Hofkirchen), gestorben 28.10.1954 (München)


Bauer 1906

Multinationales Multitalent

Bauer war in Bayern geboren und aufgewachsen, aber noch als Jugendlicher in die USA ausgewandert und wurde dort zum Priester ausgebildet. Diesen Beruf übte er auch viele Jahre aus. In der Mitte seines Lebens kam er nach München zurück in die Heimat und wirkte fortan als Übersetzer, Musikschriftsteller, Lehrer, Fremdenführer und im ersten Weltkrieg auch im Geheimdienst. Seine musikalischen Fähigkeit können auch heute noch begeistern.

Bauer Unterschrift

Artikel über Bauer


Schriften von Bauer

Von Bauer hatte sich auch journalistisch betätigt, insgesamt sind aber nur wenige Texte von ihm erhalten.

Bauer 1924

Musikalisches Werk

Werkverzeichnis

Einige der Kompositionen von Bauer wurden bereits in den USA verlegt und sind teils auch noch erhalten. Von den Vokalkompositionen aus dieser Zeit gibt es allerdings keine Spuren. In München wurde er im Wesentlichen bei Hauser und Fiedler verlegt, zahlreiche Werke sind als Notenbeilagen des Echo vom Gebirge erschienen. Grundsätzlich teilt sich das Werk in die romantisch-lyrischen Stücke sowie die damals populären Formen der Unterhaltungsmusik, welche später entstanden waren. Die mehrstimmigen Werke Bauers sind geschickt eingerichtet.

Das Werkverzeichnis gibt einen Überblick über das Schaffen Bauers.


Annonce Hauser EvG 1911
Annonce Verlag Josef Hauser (Echo vom Gebirge 1911)

Werkschau und Notenbeispiele

In der Bayerischen Staatsbibliothek sind einige digitalisierte Noten von J.B. Bauer verfügbar. In der Regel sind die Stimmen dort nicht vollständig.

Einige Werke Bauers aus dem Hauser-Verlag sind noch heute bei Hermann Hauser, dem Nachfahren des Verlagsgründers Josef Hauser, zu beziehen. Dort sind auch Stimmen zu Werken verfügbar, welche in den unten folgenden Online-Quellen fehlen.


Bauer und Amerika in Noten

Einige Werke Bauers zeigen seinen Bezug zu den Vereinigten Staaten. Diese sind sowohl in seiner Zeit in den USA als auch später in Deutschland erschienen. Herausgegeben wurden sie von Verlegern in beiden Ländern.


Bauer Annoncen Hauser
Annonce Hauser Verlag (EvG 1910)

Musikbeispiele


Bauer 1930

Wendepunkte

Die vielen unterschiedlichen Tätigkeitsfelder Bauers lassen eine interessante Persönlichkeit erkennen. Einfach war sein Lebensweg jedoch nicht immer und mit markanten Wendepunkten verbunden.

Bereits mit 16 Jahren kommt Bauer in die Vereinigten Staaten. Nach einer Ausbildung zum Priester erhält er 1889 die Priesterweihe. Zunächst ist er in Wheeling, dem Bischofssitz des Bistums Wheeling. Dort erreicht er bald bekannt Bekanntheit für sein musikalisches Wirken. Während in Europa seine ersten Kompositionen für die Zither ab 1891 im Echo vom Gebirge erscheinen, werden in Amerika ab 1894 einige seiner Werke bei den Verlagen John Church Co. sowie George B. Jennigs Co., beide in Cincinnati, herausgegeben. Vor Ort in Wheeling werden seine Chorwerke vom Mädchenchor der St. Josephs Academy in Wheeling aufgeführt. Besonders sein Stück "Ave Maria" für drei Singstimmen findet im Laufe der Jahre immer wieder großen Anklang, Zeugnis geben bspw. die Zeitungsberichte aus den Jahren 1891 und 1901.

Beruflich geht es nun weiter in andere Orte der Diözese. Zunächst nach Parkersburg, dann nach Charleston, in die Hauptstadt West Virginias, und schließlich Ende 1895 nach St. Josephs. Der Artikel im Wheeling Register", welchem die Versetzung dorthin zu entnehmen ist, offenbart auch einige Charakteristika dieses Ortes. St. Josephs ist ein abgelegenes Bergwerksstädtchen, welches in dieser Zeit einen kleinen Ölboom erlebte. Größere Orte mit kulturellem Leben sind nun weit entfernt. St. Josephs ist kein Ort, wo die Muse um jede Ecke lugt. Als ihm seine Eltern 1898 eine Kerschensteiner-Zither schicken, dürfte ihm das eine willkommene Abwechselung gewesen sein. Bemerkenswerterweise berichtet das Lokalblatt "Wheeling Register" darüber in einem kleinen Artikel. So erfahren wir, dass die neue Zither im Schaufenster seines Verlegers F.W.Baumer ausgestellt wurde und etwa 300 Dollar gekostet hatte. Auch im Echo vom Gebirge findet das seine Erwähnung (letzter Eintrag unter "Vermischtes").

Artikel Kerschensteiner Zither
Wheeling Register 04.08.1898, News Notes Of Yesterday

1901 bereist Bauer für ein halbes Jahr Europa, dabei kommt er auch in Kontakt mit der Zitherwelt. Seine Rückreise nach Amerika wird in der Rubrik Redaktionstelefon des Echo vom Gebirge 1901 wie folgt vermerkt:

"J.B.B. in St.J. Hoffend, dass Sie in der neuen Welt gut angekommen sind, senden wir Ihnen freundliche Grüße nach, wobei wir die Erwartung hegen, recht bald den Flug Ihres Geistes in Form lieblicher Kompositionen bewundern zu können."
Im Wheeling Register wird seine Rückkehr aus Europa ebenfalls erwähnt.

Der Beruf des Priesters engt ihn zunehmend ein, der Bergwerksort bietet keinen guten Nährboden für seine musischen Fähigkeiten, viele Bedürfnisse und Fähigkeiten bleiben unbefriedigt. Darüber wird er krank, heute würden wir von einem psychosomatischen Krankheitsbild sprechen. Einblicke in diese Phase erlaubt die Korrespondenz zwischen ihm und den für ihn zuständigen Bischof Donahue in Wheeling in West Virginia. Dieser Briefwechsel wurde dankenswerterweise durch David Kyger (zither.us) aufgestöbert und zur Verfügung gestellt.

In dem ersten Brief an den Bischof Donahue kündigt sich 1903 un der Umbruch an. Bauer beantragt aus gesundheitlichen Gründen, aus dem Dienst in der Gemeinde entlassen zu werden. Der Bischof entspricht dem Ansinnen. Mehrfach hebt Bauer in seinen Briefen seine nervöse Erkrankung hervor, die in oft tagelang, zuweilen auch über Wochen unfähig zu jeglicher Arbeit macht.

Einen ersten Lichtblick erlebt er, als seine Schwester 1905 heiratet. Er kann vor Ort in München anwesend sein und vollzieht auch die Trauung. Insgesamt bleibt er nun ein Jahr in Deutschland und nimmt am Leben teil. Das Leben in München ist für ihn eine Befreiung von der seelischen Last und ermöglicht ihm den Kontakt mit der für ihn so wichtigen Musik. So kann er beispielsweise nach Hof zum Kongress des Süddt. Zitherbundes reisen, wo zwei seiner Reverien auf dem Programm stehen. Von seiner eigenen Anwesenheit erfahren wir aus dem Kongressbericht, ebenso, dass er zusammen mit den Herren Fiedler, Stritzingen und Keller selbst vorträgt. Auf dem Konzert wurde zudem sein Lied "Du bist wie eie Blume" für Bariton, Violine und Piano aufgeführt. Dieses Stück ist eine Vertonung des Gedichts von Heinrich Heine und stammt noch aus seiner Zeit in West Virginia.

Annonce F.W. Baumer Co.
Wheeling Register, 02. August 1897, Annonce der F.W. Baumer Co.
für "Thou art unto like a flower" von Rev. John B. Bauer.
Dort wurde es mehrfach in verschiedenen Bearbeitungen unter dem Titel "Thou art like unto a flower" aufgeführt, s. dazu die Berichte im Wheeling Register vom 22. April 1891 (vorletzte Spalte, "Enjoyable Music"), 17. Juni 1897 ("St. Joseph's Academy") oder 27. Februar 1901 ("The Philharmonic Concert").

Zurück in den Vereinigten Staaten setzt er 1907 seine berufliche Tätigkeit in der Gemeinde Parkersburg fort. Aber seine gesundheitlichen Probleme setzen wieder ein. Die Versuche, sich aus seiner beruflichen Sackgasse zu befreien, werden durch seine familiäre Situation erschwert. Da Bauer aus einem religiös geprägten Elternhaus kommt, erfährt er von seinen Eltern keine Unterstützung, im Gegenteil. Sein Vater interveniert mit einem Brief an Bischof Donahue, worin er diesen unter dem Mantel der Verschwiegenheit darum bittet, den Sohn John nicht wieder nach Deutschland zu lassen. Der letzte Aufenthalt sei zu lang gewesen und würde dessen Seelenheil gefährden. Der bald darauf folgende Brief von Bauer an den Bischof, worin er um eine Versetzung nach Europa bittet, bleibt daher auch ohne Erfolg. Der Bischof lehnt ab.

Bauer ist nervlich am Ende. Er verlässt schließlich die Gemeinde Parkersburg und wird ein Jahr lang beurlaubt, um sich eine andere Stelle zu suchen. Er ist dann zunächst ein Jahr in New York bei Prof. Paff, einem früheren Lehrer von ihm, bevor er 1908 wieder nach München-Pasing zu seiner Schwester reist. Auch wenn es ihm zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht klar sein dürfte: ab jetzt ist München sein Lebensmittelpunkt, er wird nur noch als Besucher zurück nach Amerika kommen.


Bauer Titelblatt Sängers Morgenlied
Titelblatt Sängers Morgenlied, Op. 94. Verlag P.Ed. Hoenes, 1909.
Das Werk ist Rev. Hugo Paff gewidmet (der Name wurde auf dem Titelblatt falsch geschrieben).
Paff war einer von Bauers Lehrern in den USA. Hier bedankt er sich bei ihm für die Unterstützung, die er bei ihm im Jahr davor in seiner schwierigen Umbruchszeit gefunden hatte.

Weiterhin schreibt er in regelmäßigen Abständen an den Bischof, vor allem, um sein Celebret, also seine Erlaubnis außerhalb seiner Heimatdiözese die Messe zelebrieren zu dürfen, zu verlängern. So erfahren wir in einem Brief aus dem Jahr 1909 auch von seiner Kneipp-Kur in Wörishofen und seinen musikalischen Studien. Letztmalig bittet Bauer Ende 1912 um eine Verlängerung des Celebrets. Damit endet auch der Briefverkehr mit Bischof Donahue. Die Wende ist erreicht.

Im Jahr 1912, vielleicht auch bereits früher, tritt Fräulein Margarethe Maria Steinmetz in Bauers Leben. Die Zuneigung Bauers manifestiert sich für Außenstehende mit der Veröffentlichung seiner Fantasie Der ersten Liebe goldne Zeit, welche im Verlag von Josef Hauser im September 1912 verlegt wird. Diese Fantasie komponierte er für Altzither, Diskantzither, Streichzither und Cello. Das Stück mit Werknummer 139 ist Fräulein Grete Steinmetz freundlichst gewidmet.


Bauer Widmung Steinmetz
"Fräulein Grete Steinmetz freudlichst gewidmet", J.B. Bauer, Der ersten Liebe goldne Zeit, Op.139.
Verlag Josef Hauser, München, 1912.
Dieses Stück ist auch deshalb besonders, weil Bauer der Altzither die Stimmführung zuweist.

Dass diese Beziehung eines katholischen Priesters nicht unproblematisch gewesen sein dürfte, ist offenkundig. Dennoch wird am 13. Januar 1914 geheiratet. Die Ehe wird in London geschlossen, dies wohl weniger als ein Ausdruck der Weltläufigkeit als der Heimlichkeit. Ob die Eltern, welche beide im darauffolgenden Jahr sterben, vor ihrem Tod von der Hochczeit des Sohnes erfahren hatten, bleibt Gegenstand für Spekulationen.

Für Bauer hatte ein gänzlich neues Leben begonnen. Alles bringt ihm nun Verbesserung. Auch der einsetzende erste Weltkrieg bietet ihm die Gelegenheit, seine Erfahrungen und Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Als Bauer im Jahr 1930 im Zuge seiner bayerischen Einbürgerung seinen Lebenslauf verfasst, finden sich darin zahlreiche abenteuerliche Begebenheiten. Den früheren Beruf als Priester erwähnt er hingegen nicht. Bauer hat sein Leben in die Hand genommen und auch die Deutungshoheit über seine Geschichte beansprucht. Diese biographische Flexibilität wirkt nicht unpassend angesichts der geheimdienstlichen Tätigkeiten, die er im Lebenslauf erwähnt.


Postkarte Vorderseite Postkarte Rückseite
Die Unterschriften auf dieser Postkarte an Hans Ludwig aus dem Jahr 1921 an Hans Ludwig zeugen von einer illustren Oktoberfestrunde vieler bekannter Persönlichkeiten der damaligen Zitherwelt, beispielsweise: J.B.Bauer, Hans Thauer, Max Graf von Preysig, Fritz Mühlhölzl, Georg Hentzschel, Karl Schneiders, Ed. Lang, Hans Dondl, Franz Seith etc.

Seine berufliche Befreiung ist für uns ein Glück. Hätte er weiterhin den Priesterberuf ausgeübt, so wären seine von Lebensfreude und Wärme geprägten Kompositionen aus der Münchner Zeit wohl nie entstanden.


Annonce Evho vom Gebirge Hauser Verlag
Annonce Josef Hauser Verlag im Echo vom Gebirge, 1913