Karl Eduard Hummelberger (1877 - 1944)

Vorbemerkung

Karl Hummelberger war in keiner Weise jemand, den man eine Berühmtheit auf dem Gebiet der Zither nennen würde. Insofern überrascht es vielleicht, dass ich mich hier intensiv mit ihm beschäftigt habe. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Die einfachste Erklärung ist vielleicht, dass ich wie Hummelberger aus Holzkirchen stamme. Dazu kommen einige Berührungspunkte verschiedener Generationen. So war beispielsweise meine Tante Balbine Zitherschülerin bei Hummelberger. Darüber war sie mit der Familie Hummelberger nicht nur gut bekannt, sondern auch befreundet. Für den Unterricht musste sie mit dem Fahrrad weite Wege vom elterlichen Hof Sonnenreuth, zwischen Warngau und Wall gelegen, auf sich nehmen. Die Hofstelle existiert übrigens nicht mehr, der ungeheure Durst der Münchner hat das Gebiet des Taubenbergs zum Wassereinzugsgebiet gemacht. Dafür wurden von der Stadt Münchn viele Grundstücke gekauft und in der Folge Häuser und Höfe, mit Thalham auch eine ganze Ortschaft, abgerissen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich selbst hatte mit einer der Urenkelinnen gemeinsamen Zitherunterricht, damals bei der Musikerfamilie Pförtsch. Zudem war das Zeitschriftengeschäft der Hummelbergers für mich als Kind ein wichtiger Ort, nicht zuletzt weil ich dort Yps-Hefte oder Bücher bekommen konnte.

Mein Vater und Irene, die Frau des Enkels Karl Julius, waren in Hausham als Nachbarskinder gemeinsam aufgewachsen. Über die Bekanntschaft meines Vaters mit Karl und Irene Hummelberger bin ich dann zu dem Notenkonvolut gekommen, welches in Kartons auf dem Dachboden der Hummelbergers seit geraumer Zeit auf eine Entdeckung gewartet hatte. Die ursprüngliche Zithernotensammlung ist zwar nicht mehr ganz vollständig, aber doch weitgehend in der ursprünglichen Zusammensetzung erhalten geblieben.

Damit gewinnt diese Notensammlung über die Person Hummelbergers hinaus an Bedeutung. Aus deren Zusammenstellung wird erkennbar, welche Vorlieben für Komponisten und Stile der Zithermusik in der Zeit der Jahrhunderwende und der ersten drei Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderst miteinander einhergegangen sind. Insofern ermöglicht die Befassung mit Hummelberger eine Reise in die Vergangenheit, die nicht nur nach Holzkirchen, sondern genausogut zu irgend einem anderen Ort hätte führen könnte.


Leben und Wirken

Karl Eduard Hummelberger wurde am 30. Juni 1877 in Stuttgart geboren. Der Vater, Karl Hummelberger, war gebürtiger Wiener, der im Zuge seiner Wanderjahre nach Stuttgart gelangte und dort sesshaft wurde. Mit Maria Magdalena Mögle verehelichte er sich am 19. Mai 1879, also erst nach Geburt von Karl Eduard. 1883 zieht die Familie nach Schwabmünchen, wo Karl Hummelberger. eine Buchbinderei nebst Schreibwarenhandlung eröffnet. Karl Eduard hatte neun Geschwister, von denen vier noch im Säuglingsalter sterben. Über die Kindheit Karl Eduards ist wenig bekannt. Aus einer Eintragung in seinem ältesten Zither-Buch aus dem Jahr 1891 erfahren wir, dass er sich zu der Zeit "im Institut zu Weyarn" befand. Er war 14 Jahre alt, es wird sich um eine schulische Ausbildungsstätte gehandlet haben. Hier lernte er also in jungen Jahren das bayerische Oberland kennen und lieben. Dorthin wird es ihn dann später zurückziehen.

Doch zunächst erlernt er das Buchdruckerhandwerk. Über den Ausbildungsort ist nichts weiter bekannt. Aus der Sterbeanzeige wird aber deutlich, dass er auch seinen Meister in der Buchdruckerei gemacht hat. Die nächste bekannte biographische Station ist der im Jahr 1898 absolvierte Militärdienst.

Hummelberger beim Militär
Hummelberger beim Militär, 1898.
Quelle: genea.hommelberg.nl

Als Handwerker begab er sich auf die "Walz". Über diese Wanderjahre sind nur die Stationen in der Schweiz und in Tyrol bekannt. Diese waren aber für seine weitere Biographie entscheidend. In Luzern lernte er Bernhardine (eigentlich Maria Bernhardine Luise) Gut kennen, während er in Reutte in Tirol, die Bekanntschaft mit Maria Ihrenberger macht. Damit haben wir nun seine beiden künftigen Ehefrauen kennengelernt. Doch wir greifen den Dingen vor.
Zunächst verheiratete er sich in Luzern am 27. April 1901 mit Bernhardine, wo am 08. August dann auch das erste Kind Emma Margaritha zur Welt kam. Am 14. Dezember 1903 wurde in Luzern der älteste Sohn Karl Bernhard geboren.

Im Jahr 1903 bot sich schließlich die Gelegenheit, in Oberbayern, unweit des ihm bekannten und geliebten Weyarn, in Holzkirchen ein Haus mit Ladengeschäft zu erwerben. Dorthin zog nun die Familie, und Karl (Carl) Ed. Hummelberger richtete sich eine kleine Druckerei nebst Schreibwarengeschäft ein. Der Sohn trat in die Fußstapfen des Vaters.

Postkarte Geschäft Karl Hummelberger
Postkarte mit Photographie des Geschäfts Karl Hummelbergers in der Münchener Strasse.
Vor dem Geschäft der Ladeninhaber mit Frau und Kind. 1908.
Stempel Carl Ed. Hummelberger
Stempel aus einem der Notenbücher: Carl Ed. Hummelberger
Buchbinderei und Accidenzdruckerei, Holzkirchen, O.-B.

Bereits 1904 wurde der zweite Sohn Christian geboren, am 13. Juni 1905 dann der Sohn Heinrich. Bald überschlugen sich die Ereignisse. Am 8. November starb seine Frau. Es wird erzählt, dass sie in Holzkirchen nicht Fuss fassen und den Abschied von der Heimat nicht verwinden konnte. Am 17. November starb dann auch der mutterlos gewordene Säugling Heinrich. Hummelberger war in Not. Er erinnerte sich des Fräuleins Maria Ihrenberger aus Tyrol. Diese hatte mittlerweile ein uneheliches Kind, und so war die Hochzeit am 2. April 1906 für beide eine gute Lösung.

Karl und Maria Hummelberger, 1917
Karl und Maria Hummelberger, 1917.
Quelle: genea.hommelberg.nl

Von hier an sind keine weiteren biographischen Details bekannt. Der erste Weltkries und die Inflationszeit werden auch für die Familie Hummelberger Schwierigkeiten geboten haben. Die "Buchbinderei und Accidentiendruckerei" bleibt jedenfalls bestehen, eines der im Schreibwarenladen verkauften Güter sind die selbst gedruckten Ansichtspostkarten.

Karte Münchner Strasse vorne
Ansichtskarte: Holzkirchen, Münchner Strasse
Druck: Karl Hummelberger
Ansichtskarte Holzkirchen Münchner Srasse Vorne Ansichtskarte Holzkirchen Münchener Strasse hinten
Ansichtskarte Holzkirchen Münchner Strasse (Vorder- und Rückseite)
Blick vom Marktplatz. Druck: Karl Hummelberger.

Karl Hummelberger starb am 25. März 1944 In Holzkirchen und liegt dort auch begraben. Das Geschäft wurde von seinem Sohn Karl Bernhard, der ebenfalls das Buchdrucker-Handwerk erlernt hatte, weitergeführt.

Sterbeannonce
Sterbeanzeige Karl Hummelberger

Die Zither

Die Zither war eines der liebsten Steckenpferde Karl Hummelbergers. Zudem war damit auch ein Nebengeschäft verbunden, da er als Zitherlehrer tätig war. Da die Zither in seiner Lebenszeit noch ungemein populär war, dürfte er als guter Zitherspieler zahlreiche Schülerinnen und Schüler unterrichtet haben. Es sind Geschichten überliefert, wonach 15km und mehr zu Fuß oder mit dem Rad zum Unterricht in Kauf genommen wurden.

Von wem er das Zitherspiel erlernt hatte, ist nicht bekannt. Als er sich mit 14 Jahren in Weyarn aufhält, waren aber die Grundlagen bereits gelegt. Sein aus dieser Zeit erhaltenes "Zitherbuch" ist handgeschrieben. Teils ist es ein musikalisches Poesiealbum, in welches seine Freunde Zitherstücke eingetragen hatten, teils sind es aber auch Abschriften der Werke, die er in dieser selbst Zeit gespielt haben dürfte. Die Zusammenstellung der Noten dieses Buches erzählt so auch etwas über den Geschmack dieser Zeit.

Zitherbuch Karl Hummelberger 1891 Front Zitherbuch Karl Hummelberger 1891 Vorsatzblatt
"Zitherbuch" von Karl Hummelberger, 1891. Weyarn.
Deutscher Wanderer Marsch 1 Deutscher Wanderer Marsch 2 Deutscher Wanderer Marsch 3
"Deutscher Wanderer Marsch", Komponist unbekannt. 1894.
Eintrag von Anton Mützel im Zitherbuch von Karl Hummelberger.

Der Zither bleibt er auch nach der Schul- und Ausbildungszeit treu. Ein weiteres zeitlich datierbares Notenalbum, welches er 1899 in Luzern zusammenstellt, enthält nun gedruckte Noten. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt beispielsweise eine ganze Reihe von Musikbeilagen des "Echo vom Gebirge" ab dem Jahrgang 1895.

Buch Charles Hummelberger 1899 Lucerne
Gebundendes Notenbuch von Charles (Karl) Hummelberger, 1899, Lucerne.

Zur Ausübung des Zitherspiels von Karl Eduard Hummelberger sind insgesamt nur wenige Quellen verfügbar. Im Buch "Holzkirchen- Markt zwischen München und dem Gebirge" findet sich auf S.117 folgender Beitrag:

"Als vielbeanspruchter Zitherlehrer war Buchbinder Karl Hummelberger seit etwa 1905 in Holzkirchen tätig. Zusammen mit dem Hochreither Ignaz und dem Marketmüller Toni spielt das Zither-Trio (und später Quintett) allerbeste Hausmusik und ließ sich auch ein paarmal beim Oberbräu hören."

Die einzige Photographie, welche ihn überhaupt mit der Zither zeigt, stammt aus dem Jahr 1933 und findet sich in dem Buch "Markt Holzkirchen - Bilder erzählen Geschichte". Hier sitzt Hummelberger an der Altzither, die er Erzählungen gemäß auch am liebsten spielte.

Hummelberger Zither-Quintett
Photographie des Hummelberger Quintetts, 1933.
Abbildung aus "Markt Holzkirchen - Bilder erzählen Geschichte"

Der Hersteller der Altzither ist jedoch kaum zu ermitteln. Das Firmenetikett ist nicht nur auf der folgenden Photographie nicht zu erkennen, es ist stark abgeschabt, insbesondere in der Mitte. Das liegt an dem Spannmechanismus, welcher in der Zither unterhalb des Schalllochs eingesetzt wurde, wenn die Zither nicht gespielt wurde. Der Spannmechanismus wurde von der Firma Jean Endenthum in Nürnberg gefertigt.

Firmenetikett Altzither Spannmechanismus seitlich Spannmechanismus von oben
Firmenetikett der Altzither (unleserlich) und Spannmechanismus

Das Noten-Konvolut

Es ist ein Glücksfall, dass hier ein Sammler von Zithernoten zugleich selbst als Buchbinder tätig war. Die Noten sind sorgfältig zugeschnitten und gebunden, die Einbände wurden geschmackvoll ausgewählt. Der Erhaltungszustand der Noten ist, auch durch die Bindung, meist noch sehr gut.

Ein großer Bestand der nachgelassenen Noten umfasst Werke für mehrere Zithern, häufig für zwei bis drei Zithern, teils auch für größere Zitherensemble. Interessant ist, dass die Noten nach Stimmen gebunden sind, die Werke sich damit auf mehrere Bände verteilen. Dadurch war (und ist) es möglich, direkt aus den Büchern zu spielen. Bei den Stimmen ist die Altzither oft vertreten. Das Zusammenspiel in der Gruppe scheint für Humelberger jedenfalls eine große Rolle gespielt zu haben. Das Vorhandensein einer so großen Menge an mehrstimmigen Werken ist jedenfalls erstaunlich, es waren sonst eher die Zithervereine, welche diese Literatur beschafft hatten.

Über die zithermusikalischen Leidenschaften und Neigungen können aus den vorhandenen Noten ein paar Schlussfolgerungen gezogen werden. Prinzipiell erkennt man aus der Gesamtheit der Noten in Hummelberger den Allrounder. Es sind sowohl Noten in Baßschlüssel als auch Violinschlüssel enthalten. Das war damals nicht selbstverständlich. Es gibt große Notennachlässe, welche bspw. ausschließlich Noten in Violinschlüsselnotation enthalten. Ein Teil der Noten umfasst Komponisten der Wiender Schule: Blumlacher, Enslein, Fux, Huber, Kasteneder, Praschinger, Schaschek, Sturm, Umlauf. Das ist womöglich dem Erbe geschuldet, war sein Vater doch gebürtiger Wiener. Aber auch die Oberbayerische Heimat ist durch Komponisten und Werke vertreten. Zudem hatte Hummelberger neben volkstümlicher Musik in gleicher Weise anspruchsvolle Literatur der Zither-Klassik gesammelt und vermutlich auch gespielt.

Das Notenkonvolut läßt sich auf verschiedene Weisen systematisiert darstellen. Dazu folgen nun einige Listen, für die Bücher wurden in den Signaturen Abkürzungen verwendet, welche folgende Bedeutung haben:
[A] Zither 1, [B] Zither 2, [D] Zither 3, [V] Violine, [K] Klavier, [M] Noten ungebunden in verschiedenen Mappen

Einzelne Noten und Bücher, bspw. "Das kleine Saitenspiel" von Suitner, sind erst nach dem Tod Hummelbergers erschienen. Diese stammen vermutlich aus dem Besitz des Enkels Karl Julian Hummelbergers (1936-2024), welcher ebenfalls Zitherspieler war. Der Großteil des Bestandes ist aber dem Besitz von Karl Eduard Hummelberger zuzurechnen.


Hier nun einige Funde aus dem Notenkonvolut:


Quellen und Fundstellen

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